Vorwort zur dritten, völlig neu bearbeiteten Auflage

Kindlers Literatur Lexikon, oder einfach Der Kindler, ist eine Legende unter den Lexika. Mit ihm hat sich sein ›Erfinder‹, der Verleger Helmut Kindler, ein sehr wirkungsmächtiges und nachhaltiges, stets mit seinem Namen identifiziertes kulturelles Denkmal gesetzt. Vorbild des Kindler war der italienische Dizionario Letterario Bompiani; Kindler erwarb von Bompiani und dem französischen Verlag Laffont, in dem das Pendant zum Bompiani, der Dictionnaire des œuvres, erschien, die Rechte, Artikel aus ihren Lexika für sein neues Lexikon zu übersetzen. Und er nahm zum 1. Oktober 1958 Wolfgang von Einsiedel unter Vertrag, der in sechsjähriger Arbeit das Erscheinen des Kindler wissenschaftlich vorbereitete und zahlreiche Berater für die zu etablierende Redaktion gewann.

Diese Redaktion wurde im Herbst 1964 eingerichtet; ihr Chefredakteur wurde Gert Woerner; seine Stellvertreterin Gisela Uellenberg hatte schon mit Wolfgang von Einsiedel eng zusammengearbeitet. Unter beider Leitung erschienen 1965 und 1966 die ersten beiden Bände des Kindler. Mit Band III (1967) kamen Rolf Geisler als zweiter Chefredakteur und Rudolf Radler als zweiter Stellvertreter in die Redaktion, die Bände IV–VI (1968, 1969, 1971) wurden bereits allein von Geisler und Radler ediert, der zusammen mit Johanna Zeitler Band VII (1972) verantwortete, welche wiederum als alleinige Chefredakteurin den Ergänzungsband von 1974 herausbrachte. In sechs Jahren der intensiven Vorbereitung und acht Jahren Editionsarbeit (zehn, wenn man den Ergänzungsband mitzählt) – in gut anderthalb Jahrzehnten also entstand die Lexikonlegende Kindler unter Mitarbeit so vieler Autorinnen und Autoren, dass man denken kann, die, neben einer Reihe ausländischer Mitarbeiter, gesamte vor allem geisteswissenschaftliche Elite Deutschlands habe diesen Kindler hervorgebracht. All ihre Namen sind nicht verloren oder vergessen – die Arbeiten vieler von ihnen sind, auf den aktuellen Stand gebracht, auch in der dritten, völlig neu bearbeiteten Auflage von 2009 noch gegenwärtig.

21 Jahre zuvor, 1988, begann die zweite Auflage des Kindler zu erscheinen. Aus der Idee, dem 1974 erschienenen Supplementband der ersten Auflage 1987 einen weiteren Supplementband folgen zu lassen, entstand der Plan einer revidierten Neuauflage des gesamten Kindler. Diese Neuauflage entstand unter der Chefredaktion von Rudolf Radler und erschien in zwanzig Bänden von 1988 bis 1992 als Kindlers Neues Literatur Lexikon, zwei Supplementbände folgten 1998; nomineller Herausgeber war Walter Jens. In dieser Auflage wurden die letzten alten Urheberrechte von Bompiani abgelöst (d.h. die betreffenden Artikel wurden neu geschrieben), der Artikelbestand wurde in großen Teilen bearbeitet, um weitere Werke ergänzt und, vor allem durch die Einführung des Werkgruppentypus »Das lyrische Werk«, um etwa 2000 Titel vor allem der Gegenwartsliteratur vermehrt. Außerdem wurden sämtliche Bibliographien aktualisiert und erheblich erweitert. Die beiden Supplementbände von 1998 ergänzten den Kindler nochmals um etwa 1200 Artikel zu 1000 Autorinnen und Autoren. 1999 erschien der Kindler auch auf CD-ROM und wurde teilweise auch über das Internet angeboten.

Die Artikel im ersten Kindler waren alphabetisch geordnet nach ihren originalsprachlichen Titeln: Arabische Werke standen da neben deutschen, japanischen, französischen, chinesischen, lateinischen, indischen usw. Werken. Dieses Ordnungsprinzip war einer schönen polyglotten Idee von einer Weltliteratur entsprungen – praktisch komplizierte es den Gebrauch des Kindler erheblich; denn wer zum Beispiel den Artikel zu Tausendundeine Nacht aufsuchen wollte, musste wissen, dass der arabische Originaltitel Alf laila wa-laila heißt, denn nur unter diesem Titel beim Buchstaben A war der Artikel nachzuschlagen, lediglich im Register war in der Abteilung Anonyma unter dem Buchstaben T ein Verweis von Tausendundeine Nacht auf Alf laila wa-laila zu finden. So waren die meisten Artikel dieser ersten Auflage des Kindler nur über sein Register zu erschließen, und die Werke von Balzac, Shakespeare und Goethe zum Beispiel waren über den ganzen Kindler, also über sieben Bände, verstreut. Das war ein Nutzer-Handicap, das sich ergab durch die Übernahme der Grundidee der beiden romanischen Lexika, die ihr Ordnungsprinzip ebenfalls dem Diktat des Alphabets unterstellten; freilich nannten sie sämtliche Werke nur mit ihren ins Italienische bzw. Französische übersetzten Titeln.

In der zweiten Auflage des Kindler wurde dieses eher verwirrende Ordnungsprinzip ersetzt durch eine neue, wiederum vom Alphabet diktierte Anordnung der Werkartikel: nun aber nach ihren Autoren, von Ruben A., dem portugiesischen Autor, bis zu dem Zürcher Reformator Huldrych Zwingli. So waren alle Artikel zu den einzelnen Werken von Balzac, Shakespeare und Goethe unter ihrem Namen finden. Und die etwa 1400 Artikel zu anonymen Werken und Stoffkomplexen (Bibel, Koran, Alexanderroman usw.) wurden in anderthalb Bänden separiert.

Eine weitere Neuerung der zweiten Auflage des Kindler war, wie erwähnt, die Einführung eines neuen Artikeltypus: der Werkgruppe »Das lyrische Werk«, in dem einführend das Grundsätzliche und Gemeinsame eines dichterischen Werks und dann das Besondere seiner einzelnen Gedichtbände in ihrer Genese dargestellt werden konnten. So wurden Wiederholungen grundlegender Aussagen zum Werk in mehreren Artikeln zu unterschiedlichen Gedichtbänden eines Autors vermieden, konnte sein lyrisches Werk konzentrierter anschaulich gemacht werden. Das Werk von etwa 1500 Lyrikerinnen und Lyrikern wurde durch diesen Artikeltypus gebündelt präsentiert.

Im Übrigen folgte auch der zweite Kindler den Prinzipien des ersten: Er war keine Enzyklopädie im herkömmlichen Sinne, wollte nun aber nicht mehr nur Bestandsaufnahmen bieten, sondern neue Wertungen ermöglichen und transportieren. Die Redaktion des zweiten Kindler schrieb damals in ihrer Einführung: »Im Hinblick auf die Vielzahl der in diesem Lexikon präsentierten Literaturen wäre eine Auswahl, die sich auf allgemein anerkannte Meisterwerke beschränkt, ohnehin zufällig und fragwürdig. Die ästhetischen Kategorien, die in der abendländischen Literatur seit Aristoteles entwickelt worden sind, haben keine Gültigkeit für Werke, die in ganz anders strukturierten Kulturbereichen entstanden und andere Lebenshaltungen spiegeln. [...] Es sind daher in dieses Lexikon auch Schriftwerke aus allen Zweigen der Geistes- und Naturwissenschaften einbezogen worden, soweit sie die Entwicklung der Geschichte, das Gesicht der Nation, eines Volksstammes mitbestimmt haben.« Diese Frage der Auswahl des zugleich Wichtigen und im jeweils nationalen Kontext Charakteristischen ist für die europäischen und amerikanischen Literaturen verhältnismäßig leicht zu beantworten – sie impliziert für ein Lexikon wie den Kindler, das ja die bedeutenden Werke der Welt aus allen Zeiten vorzustellen beansprucht, die Frage nach dem einen, eben dem Kindler-Kanon, der aber nur eine asymmetrische Summe aller Kanones der unterschiedlichsten, miteinander kaum vergleichbaren Nationalliteraturen sein kann; und dies insbesondere (und notgedrungen) aus europäischer Perspektive war.

Die Arbeit an der dritten Auflage des Kindler wurde mit einer grundlegenden Revision des Lexikonbestandes begonnen. Für jeden der nach Sprachen definierten Literaturbereiche (so umfassender Bereiche wie ›Romanische Literaturen‹, ›Deutschsprachige Literatur‹ und so kleiner wie ›Jiddische Literatur‹, ›Mongolische Literatur‹) und der Sachliteraturbereiche (Philosophie, Naturwissenschaften, Sozialwissenschaften, Psychologie, Wirtschaft, Religion/Theologie usw.) konnten renommierte Wissenschaftler als Fachberater gewonnen werden, die den Bestand ihrer Bereiche im alten Kindler geprüft haben. Auf einer Fachberaterkonferenz im November 2004 wurden Voraussetzungen und Kriterien für eine dritte Auflage des Kindler diskutiert – dass dies ein völlig neu zu erarbeitender Kindler sein müsse, war sehr schnell klar. Denn beispielsweise die politischen, ideologischen und kulturellen Transformationen im sogenannten ›Ostblock‹, aber auch die durch das Internet verstärkte Globalisierung und umfassendere Wahrnehmung der unterschiedlichen Kulturen der Welt erzwangen geradezu Neubewertungen bei der Edition eines neuen Kindler: Ganze Bibliotheken im Bereich der sozialistischen Staaten wurden binnen kurzem Makulatur, unterdrückte Literaturen fanden verstärkt ihre Öffentlichkeit; afrikanische Literaturen entwickelten sich und wurden genauer wahrgenommen; asiatische Literaturen rückten mehr ins europäische Blickfeld. Andererseits bedurften veraltete oder obsolet gewordene Interpretationsansätze der Revision – überhaupt sollten zeitgeistbedingte und ideologiebefrachtete Interpretationen vermieden werden und die Darstellungen der aufgenommenen Werke sachlich informativ sein.

In diesem Zusammenhang wurde auch die Kanonfrage diskutiert. Wie selbstverständlich wurden alle Werke im Kindler zum Kanon gerechnet, die Aufnahme eines Werks in den Kindler allein hatte schon einen Kanonisierungseffekt. Doch war die Auswahl von Werken für den Kindler bisher nie unter definierten Kanonaspekten entschieden worden. Deshalb sollten nun bei der Neufassung des Kindler erstmals bewusst Kriterien der Kanonisierung bedacht und angewendet werden.

Der literarische Kanon ist weder ein Mausoleum, das veraltete Werke für die Ewigkeit einlagert, noch eine Bestseller-Hitliste, die schon bald wieder vergessen ist. Literarische Kanonbildung ist vielmehr ein dynamischer, lebendiger Prozess: Was Gesellschaften für bedeutend und wichtig halten, verändert sich ständig. Jede Zeit ›erfindet‹ ihren Kanon neu. Kanonbildung beginnt damit, dass einer kleinen Anzahl literarischer Werke deutlich mehr Aufmerksamkeit als den meisten anderen geschenkt wird. Hält die Resonanz eines Werkes an, vielleicht sogar über Jahrhunderte und Jahrtausende, dann gehört es zum stabilen Fundament eines nationalen Kanons oder, wie die Geschichten aus Tausendundeine Nacht und das Gilgamesch-Epos, sogar zum Kanon der Weltliteratur.

Die Resonanz dieser großen Texte ist oft so stark, dass ein Kanonwerk mit seinen Inhalten und seinem Formenreichtum die Produktion anderer Werke anregt, die dann ihrerseits kanonische Bedeutung erlangen: Auf Homers Odyssee beriefen sich zahlreiche berühmte Nachfolger, etwa der Ulysses von James Joyce; die Resonanz der Medea des Euripides reicht über Seneca und Corneille zu Jean Anouilh, Hans Henny Jahnn, Christa Wolf und Heiner Müller.

Der Kanon ist der Ausdruck und die Summe der kulturellen Resonanz literarischer Werke. Resonanzen aber können stark und schwach, von kurzer und von langer Dauer sein. Wie lange Werke im Kanon bleiben, darüber lassen sich keine verlässlichen Prognosen abgeben. Ebenso gibt es keine unumstößlichen Kriterien, nach denen eine bestimmte Gesellschaft ihren Literaturkanon bildet, weil literarische Wertungen einem ständigen Zeitwandel unterliegen. Allerdings gibt es viele Gründe, warum große Werke wie El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha des Cervantes und Balzacs Père Goriot, Goethes Faust und der Orlando-Roman von Virginia Woolf bis heute eine so große Resonanz haben.

Kanonbildung ist kein willkürliches, nach beliebigen Kriterien betriebenes Geschäft, viele Mitspieler sind daran beteiligt. Universitäten und Schulen, die Theater mit ihren Spielplänen und die Verlage, der Buchmarkt, das Feuilleton und die Literaturkritik sichern das kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft: Kanonproduktion und Kanonresonanz sind vielstimmig und komplex.

Und doch entscheiden weder Lektürelisten und Prüfungsinhalte noch die täglich wechselnden Rankings der Medien und das Buchsortiment allein über den literarischen Kanon. Ohne das Publikum, ohne Leser und Zuschauer, bleibt kein Kanonwerk auf Dauer lebendig. Daher verbindet der Kindler die institutionelle und lebensweltliche Kanonresonanz, er berücksichtigt als fachgerecht angelegtes, umfassendes, für den Lesealltag wie für Studienzwecke geschaffenes Speichermedium die literarischen Werke aus den Kanones der Schulen und Hochschulen, der Wissenschaften und der literarischen Archive, aber auch und vor allem die breite Palette der Titel, die viele Leserinnen und Leser am beginnenden 21. Jahrhundert interessieren könnten: als offenes Angebot aus den Literaturen aller Zeiten und Länder.

Im Kontext der Weltliteratur bedürfen solche Kanonentscheidungen natürlich der Variation. Was zum Beispiel in verschiedenen indischen Literaturen oder in der japanischen, chinesischen oder auch in den afrikanischen Literaturen zum Kanon gehört, muss in Europa nicht einmal bekannt sein, kann also nicht aus eurozentrischer Perspektive entschieden werden, die ja meist nur das wahrnimmt, was in europäische Sprachen übersetzt wurde (so es nicht ohnehin in ihnen geschrieben wurde). Deshalb waren die Fachberater dieser Literaturen besonders gefordert zu entscheiden, welche der zu den Kanones der verschiedenen Kulturen gehörenden Werke unabdingbar für das Bild der entsprechenden Kultur waren und deshalb Eingang in den Kindler finden mussten, und welche Werke vor allem durch die europäische Rezeption Kanonstatus erhalten hatten; durchaus gibt es Beispiele von Werken, die durch ihre Übersetzung in andere Sprachen weit größere Bedeutung in den entsprechenden Ländern erlangten als sie in ihrem Ursprungsland je hatten. Dies alles galt es abzuwägen; und hier haben die Fachberaterinnen und Fachberater genau abgewogen und ihre Entscheidungen über die Aufnahme von Werken in den Kindler in Übereinstimmung mit dem Herausgeber getroffen.

Dies betraf natürlich auch die Auswahl der bereits im Kindler vorhandenen Werke insgesamt. Jeder Fachberater hat alle im zweiten Kindler vorhandenen Autoren und Werke aus seinem Fachbereich geprüft und entschieden, welche davon übernommen werden konnten und welche hinzukommen sollten. In einem weiteren Schritt haben die Fachberater die vorhandenen Artikel zu den übernommenen Autoren und Werken geprüft und entschieden, welche Artikel nur mehr oder weniger zu bearbeiten und aktualisieren und welche neu zu schreiben seien. Die Fachberater haben dafür die Mitarbeiter gewonnen, selbst Artikel überarbeitet und neue Artikel geschrieben. Sie haben alle Artikel geprüft, bevor sie in der Redaktion bearbeitet und redigiert wurden.

Fachberater und Redaktion haben sich sehr darum bemüht, alle alten Kindler-Mitarbeiter, deren Artikel nun auch im neuen Kindler stehen, zu finden, um sie für die Aktualisierung ihrer Artikel zu gewinnen. Leider konnten viele von ihnen nicht erreicht werden; ihre Artikel wurden von Kolleginnen und Kollegen ihrer Disziplinen bearbeitet und, vor allem auch im bibliographischen Apparat, aktualisiert.

Etwa 7900 Artikel im neuen Kindler wurden aus dem alten Kindler übernommen und bearbeitet, etwa 5900 Artikel wurden neu geschrieben. Hinzu kommen über 7700 ›Biogramme‹ mit den wichtigsten Informationen zum Leben und Wirken der mit ihren Werken vorgestellten Autoren – viel Neues sicherlich nicht über Shakespeare, Goethe, Dante oder Faulkner, aber zu den meisten der weniger bekannten Autoren der Weltliteratur aus allen Zeiten.

Neu sind auch die vermehrten Werkgruppenartikel, deren Typus bereits im zweiten Kindler mit »Das lyrische Werk« eingeführt worden war. Er wird nun auch angewandt auf dramatische, erzählerische, essayistische usw. (Gesamt-)Werke. Werkgruppenartikel erfüllen mehrere Funktionen: Zum einen werden mit ihnen literarische Zyklen (Trilogien, Tetralogien usw.) komplex erfasst und beschrieben. Zum anderen ermöglichen sie Überblicke bei umfangreicheren gattungsspezifischen Gesamtwerken, aus denen, ihrer Bedeutung angemessen, früher nur je ein einziges Werk im Kindler vorgestellt wurde – so können, nach einer Einführung über die Grundzüge eines z.B. dramatischen Gesamtwerks, einzelne Dramen im Kontext der anderen relativiert oder hervorgehoben werden. In Werkgruppenartikeln zu Autoren des Zentralkanons mit umfangreichen Werkkomplexen unterschiedlicher Gattungen wiederum werden die grundlegenden Erkenntnisse zu den entsprechenden Werkkomplexen erörtert und kleinere Werke besprochen; an sie schließen sich Werkartikel zu einzelnen großen Werken an: Goethe: »Das dramatische Werk« – »Götz von Berlichingen« – »Iphigenie auf Tauris« – »Torquato Tasso« – »Faust«.

Die Werkgruppenartikel erlauben eine umfassendere und flexiblere Darstellung der Weltliteratur sowie eine breitere Berücksichtigung von Werken und Titeln. Etwa 2400 Werkgruppenartikel stehen neben knapp 10700 Werkartikeln; hinzu kommen über 750 Artikel zu anonymen Werken (die nun nicht im Anhang separiert, sondern alphabetisch eingeordnet wurden), darunter an die 220 große Sammelartikel vom Typus Bibel, Mahabharata und Alexanderroman.

Bei der Revision des alten Kindler durch Fachberater und Herausgeber ergaben sich erhebliche Unwuchten bei einzelnen Literaturen und Sachgebieten. So waren, bedingt durch die Entwicklung des Kindler aus dem Bestand des alten Bompiani, die romanischen Literaturen naturgemäß sehr stark vertreten, auch mit zahlreichen Werken, die nicht zu einem gesamteuropäischen oder gar globalen Kanon gehören; sie wurden nicht mehr berücksichtigt. An anderer Stelle, so zum Beispiel bei der nordamerikanischen Literatur, waren starke Defizite auszugleichen, ihr wurde entsprechend mehr Platz eingeräumt. Anderen Literaturen, die erst in den letzten Jahrzehnten stärker ins Blickfeld rückten – süd- und südostasiatischen, vor allem indischen, aber auch afrikanischen Literaturen –, wurde sehr viel mehr Raum gegeben. Dies gilt auch für die verschiedenen Gebiete der Sachliteratur. Hier waren vor allem die Werke der Philosophie, aber auch der Religion und der Theologie gut vertreten. Werke aus anderen Feldern der Sachliteratur waren offensichtlich eher sporadisch, fast zufällig aufgenommen worden. Hier wurde im angemessenen Maße nachjustiert: vor allem bei Werken der Naturwissenschaften und der Mathematik, der Sozialwissenschaften, des Rechts, der Politik und der politischen Theorie, der Wirtschaft und Ökonomie, der Geschichte, Psychologie, Ethnologie, Technik und Medizin, auch zu Musik, Bildender Kunst und Architektur, zu Ästhetik und Kunsttheorie. Auf all diesen Feldern gibt es wesentliche Werke, die die Kulturgeschichte der Welt mitgeprägt haben. Sie mussten berücksichtigt werden.

Dass sie berücksichtigt wurden, war auch Ergebnis der Fachberaterkonferenz. Denn einige Fachberater schlugen vor, in den neuen Kindler nur das aufzunehmen, was im strengen Sinne ›Literatur‹ ist, und auf die Werke der Sachliteratur (die im alten Kindler »expositorische Literatur« hieß) zu verzichten und sie unter dem Label ›Kindlers Fachlexika‹ zu etablieren: ›Kindlers Philosophie‹, ›Kindlers Naturwissenschaften‹, ›Kindlers Religion und Theologie‹ usw. – ein auf den ersten Blick bestechender Vorschlag, der aber mit einem zweiten Blick auf meine mit Fachlexika aller Art bestückten Regale obsolet wurde. Denn solche (zum Teil auch Werk-)Lexika für die einzelnen Wissenschafts- und Wissensdisziplinen sind bereits zahlreich vorhanden.

Dies aber brachte mich zu der Überlegung: Was denn dieser Kindler eigentlich sei, was seine Besonderheit ausmache und ihn von allen anderen Lexika und Enzyklopädien unterscheide. Es gibt dafür ausführliche Erklärungen; aber ich fand dafür ein Bild, das nicht nur den Fachberaterinnen und Fachberatern einleuchtete: Der Kindler ist wie der klare bestirnte Himmel mit all seinen Planeten und Monden, Fixsternen, Sonnensystemen und Galaxien. Natürlich ist das Universum sehr viel größer als das, was wir am Firmament erkennen können. Um tiefer in dieses Universum hineinzublicken, braucht man Teleskope. Um das Universum alles erst Geschriebenen und seit dem 15. Jahrhundert auch Gedruckten zu erkunden, bedarf es spezieller Lexika, eben der vielen Fachlexika. Im Kindler aber sind von den literarischen und kulturellen Werken aller Zeiten und Länder nur die zu finden, die wir, analog gesprochen, wie die unterschiedlichen Gestirne ohne Fernrohr am Himmel sehen und erkennen können. Also all jene Werke der schriftlich fixierten Weltkultur, die der an ihr interessierte gebildete und sich bildende Laie – und auch der Experte ist auf den meisten Gebieten Laie – kennenlernen möchte und durch den Kindler kennenlernen kann.

Dies aber setzt eine kenntnisreiche und gewissenhafte Filterung der im Kindler vermittelten Fakten voraus, die nur von Fachleuten mit zugleich gründlichem detaillierten Wissen und globaler Professionalität geleistet werden kann, und erfordert Darstellungen der zahlreichen Werke von erfahrener Hand. Diese komplexe Arbeit wurde für diesen neuen Kindler von 75 Fachberaterinnen und Fachberatern und etwa 1600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geleistet. Deren Arbeitsergebnis Kindler kann nicht ersetzt werden durch eine von vielen geschriebene (freie und demokratische?) und also ständig in Bewegung sich befindende, im Grunde offene Internetenzyklopädie wie »Wikipedia«. Denn das dort verfügbar gemachte ›allgemeine‹ ›Wissen‹ ist oft unkritisch, ungefiltert, selten wirklich professionell geprüft und deshalb im Grunde doch unzuverlässig, so gut und kenntnisreich einzelne Artikel auch sein mögen. Als Institution kann eine solche ›freie‹ Enzyklopädie, die andere Vorzüge hat, ein Lexikon wie den Kindler nicht ersetzen, dem es um die Darstellung und wertende Interpretation der wichtigsten Werke der gesamten Weltliteratur zu allen Zeiten geht. Wer einen Kindler-Artikel aufschlägt, will genau und verlässlich darüber informiert werden, was in dem besprochenen Einzel- oder Gesamtwerk steht: sachlich und unideologisch.

Dass der neue Kindler dieses leistet, verdankt er vielen: Da sind vor allem jene, auf deren Schultern alle stehen, die ihn gemacht haben: die eingangs genannten Editoren, Chefredakteure, Redakteure und die vielen Hunderte, ja Tausende von Bearbeitern der beiden vorausgehenden Auflagen; von ihnen sei noch einmal besonders genannt Rudolf Radler, der große Teile des ersten und den gesamten zweiten Kindler als leitender Redakteur verantwortet hat.

Insbesondere danke ich allen Fachberatern des neuen Kindler für ihr mehrjähriges Engagement und die allermeist sehr angenehme und ertragreiche Korrespondenz- und Gesprächsatmosphäre; und weiterhin allen etwa 1600 Mitarbeitern, die neue Artikel geschrieben und alte Artikel bearbeitet haben.

Ich danke Dr. Rüdiger Salat für die ursprüngliche Idee einer gründlich revidierten Fassung des Kindler und seinem unermüdlichen sanften Engagement bei der Verwirklichung dieser Idee; ich danke ihm und Peter Kraus vom Cleff für die planenden Gespräche bei der einjährigen Vorbereitung; ich danke Dr. Stefan von Holtzbrinck für seine verlegerische Entscheidung für den neuen Kindler.

Ich danke Michael Justus – während unserer Arbeit am Kindler Verleger des Metzler Verlags, heute Geschäftsführer bei S. Fischer – für seine von Anbeginn an klare und entschiedene, bald freundschaftliche Zusammenarbeit; der Lektorin Ute Hechtfischer, die mit großer Kenntnis und wunderbarer Spitzfindigkeit noch die kleinsten erahnbaren Probleme benannt und an ihrer Beseitigung kräftig mitgewirkt hat; Antje Wachsmann für alles, was mit der Herstellung des neuen Kindler, und Rita Herfurth für alles, was mit der elektronischen Arbeit daran zu tun hat; Andrea Rupp für die unermüdliche Bewirtschaftung der zahlreichen zu schließenden Verträge; Franziska Remeika für die gesamte Revision.

Ich danke meiner Frau, Christiane Freudenstein-Arnold, die von Anfang bis Ende am neuen Kindler mitgewirkt hat, für ihre über all die Jahre gemeisterte Koordinations- und Kommunikationsarbeit zwischen Verlag, Redaktion, Fachberatern und Mitarbeitern.

Für beständige fürsorgliche Redaktionsarbeit danke ich Dr. Ulrike-Christine Sander, Dr. Hanna Stegbauer, Henning Bobzin, Stephan Naguschewski, Prof. Dr. Jürgen Wehnert, für weitere redaktionelle Mitarbeit Angela Flohr, Leonie Meyer-Krentler, Dietmar Quaisser und Axel Ruckaberle.

Für die mühsame Arbeit der vielfältigen Korrekturen danke ich Dr. Gerald Willms und den Korrektorinnen Miriam Groß, Tanja Heitmann, Debora Helmer und Bettina Wolf und dem Korrektor Christoph Beutenmüller.

Und schließlich danke ich den Erfindern des Internets und der Internetkommunikation, ohne die ein von Grund auf revidierter neuer Kindler in der Zeit von knapp fünf Jahren nicht möglich gewesen wäre.

Nachschrift: Es wird berichtet, dass türkische Teppichweber mit Willen stets mindestens einen Fehler in ihre Teppiche einweben, um damit zu bekunden, dass nur Allah vollkommen ist. – Wir folgten ihnen bei der Herstellung des Kindler nicht willentlich; denn wir wissen, dass der Druckfehlerteufel jeglichem Streben nach Vollkommenheit, um die auch wir uns bemühten, entschieden entgegenarbeitet.

Göttingen, im Frühjahr 2009
Heinz Ludwig Arnold