Jean-Marie Gustave Le Clézio

geb. 13.4.1940 Nizza (Frankreich)

Sohn eines Bretonen mit englischer Staatsbürgerschaft; Literaturstudium, anschließend Lektor an den Universitäten Bristol, London und Aix-en-Provence; Reisen in die USA, nach Mexiko und Ostasien mit großem Einfluss auf sein erzählerisches Werk; bedeutender Vertreter des französischen nouveau roman der zweiten Generation; 2008 Nobelpreis für Literatur.

Lit.: S. Bieker: L., in: Kritisches Lexikon zur fremdsprachigen Gegenwartsliteratur, Hg. H.L. Arnold. - S. Jollin-Bertocchi: J.M.L., l’érotisme, les mots, 2001. - N. Pien: L., la quête de l’accord originel, 2004.

 

Le procès-verbal

(frz.; Das Protokoll, 1965, H. u. R. Söllner) – Dieser 1963 erschienene Roman hat 17 fortlaufende, mit Großbuchstaben bezeichnete Kapitel. In der Mitte des bizarren, realistischen Märchens (es beginnt mit »Es war einmalchen«) steht der Held Adam Pollo, ein junger Mann von 30 Jahren, »dem die Universitätsjahre und eine ausgedehnte Lektüre hinlänglich das Denken beigebracht hatten«. Er hat sich in einem leer stehenden Haus am Meer eingenistet, wo er, meist auf einem Liegestuhl in der Sonne ausgestreckt, zurückgezogen lebt, in einer Angstwelt »voller kindlicher Schreckgespenste«, die er sich selbst erschaffen hat, um sein seelisches Gleichgewicht zu bewahren. »Jede Empfindung seines gespannten Körpers, der alle Einzelheiten überhöhte, machte aus seinem Wesen einen monströsen Gegenstand, ganz Schmerz, in dem das Lebensbewußtsein nur noch nervöse Kenntnis der Materie ist.«

Die Angespanntheit seiner Sinne ermöglicht es ihm, sich den Tieren anzuverwandeln, indem er versucht, das Weibchen zu begehren. Aber als ihm bewusst wird, dass er keine klare Erinnerung an die letzten zehn Jahre hat, bemerkt er, dass er nichts begriffen hat: »Nichts im Gefüge dieser gebrechlichen Dinge sagte ihm mit Sicherheit, ob er aus dem Irrenhaus kam oder vom Militär.« Seine Beobachtungen am Strand und seine gelegentlichen Streifzüge durch die Stadt verhärten ihn immer mehr in einer »Antiexistenz«. Die Gesellschaft sieht er nur als »Millionen gleichgerichteter Willen« von »Millionen Adam-Männern und -Frauen«.

Nichts ist mehr traurig, nichts lächerlich. »Man lebt wie in Tausenden von aufeinander getürmten Schmökern.« Adam Pollos Weg der materialistischen Ekstase führt zum Wahnsinn. Weiteres über ihn erfährt man nur noch aus dem Tagebuch – mit leeren Stellen und durchgestrichenen Zeilen – und dem Zeitungsbericht von seiner Festnahme. Beim Verhör mit Studenten und Professoren in der psychiatrischen Klinik (Ergebnis: Mythomanie; Amnesie; sexuelle Obsession; Flucht vor der Verantwortung) war es ihm nicht geglückt, den Zweck seiner Mystik, »sein zu sein«, zu erklären. Er bricht ab und endet in Aphasie.

In diesem ersten Roman hat Le Clézio das ästhetische Gesetz des nouveau roman, der zur Entstehungszeit in seiner Blüte stand, ignoriert. Dennoch wird keineswegs in traditionalistischer Weise erzählt, sondern zur psychologischen Konturierung des Protagonisten im Sinne einer vertieften Identifikation des Lesers werden Schreibweisen des nouveau roman verwendet. Wie es im Vorwort, einem Brief des Autors an sein Lesepublikum, heißt, geht es darum, das »Gefühl« des Lesers »mit-leiden« zu lassen.

Lit.: H. LeGuellaut: Expériences du temps. Unité et diversité à travers ›Le procès verbal‹, ›Étoile errante‹ et ›Diego et Frida‹ de J.M.G.L. C., 1997.

Günter Karcher

 

Voyages de l’autre côté

(frz.; Reise nach anderswo) – Mit dem 1975 erschienenen Roman legte der Autor, bereits für Le procès-verbal, 1963 (Das Protokoll), emphatisch als Erneuerer der französischen Erzähltradition gefeiert, einen komplexen Text vor.

Im Mittelpunkt des dreiteiligen Werks stehen Naja Naja – so zugleich der Titel des dominierenden Romanteils – und ihre Freunde Alligator Barks, Ginn Fizz, Yamaha u. a. Ähnlich wie Lewis ↑ Carrolls Alice besitzt Naja Naja keine feste Körpergröße, ferner kann sie – jene übertreffend – ihren Namen, ihr Aussehen und ihre Identität verändern. In ihren »Reisen«, in denen sämtliche Naturgesetze umgestoßen werden, durchquert sie alltägliche Gegenstände wie Zigaretten, Weinflaschen usw. Sie fliegt aber auch in die Sonne, versetzt sich in fremde Träume, wird unsichtbar oder verschwindet gar gelegentlich, zum Missfallen ihrer Freunde. Diese ›Reiseberichte‹ wechseln ab mit kurzen, anscheinend unverbundenen und aus unterschiedlichen Erzählpositionen dargelegten Geschichten: So wird von der kleinen Wolke berichtet, die vorsichtig um die Welt segelt, um nicht in Regen aufzugehen, vom Seemann und seinem Begleiter Jonas, die auf einer Insel landen, die sich dann aber als gutmütiger und hilfsbereiter Walfisch entpuppt, oder von Theophrast mit dem langen Bart, der in einer Uhrenfabrik in ein lebendes Barometer verwandelt wird. Diese Folge von locker und spielerisch nebeneinandergestellten Begebenheiten ist umrahmt vom Vorspann »Watasenia«, in dem ein Rückblick auf die Erde zu der Zeit, als sie noch ganz mit Wasser bedeckt war, stattfindet, und vom Nachspann »Pachacamas«, der einen Ausblick auf eine künftige versteinerte und leblose Welt bietet.

Der Text steht in seiner rätselhaft anmutenden Zusammenhanglosigkeit im Gegensatz zu einer auf mimetische Wirklichkeitsdarstellung zielenden Literatur. Er präsentiert sich absichtsvoll als Konglomerat, das geprägt ist durch eine ständige Vertauschung von Wirklichkeitsebenen und Erzählpositionen, durch das spielerische Vermischen grotesker und märchenhafter Elemente, durch Phantasienamen und paralogische und paradoxe Konstruktionen. Zahlreiche mit Namen verknüpfte Anspielungen und verschiedene Mythologeme (z.B. ist Naja Naja der Fachterminus für die Brillenschlange; diese verweist als Schlange zum einen auf Ägypten und Mexiko, zum anderen als »gefiederte Schlange« auf die Maya-Mythologie) machen ihn zum Sinnlabyrinth, das zu unzulässig vereinfachenden Deutungen provoziert.

Die bereits in Les géants, 1973 (Die Riesen), vorgebrachte Kritik an der alltäglichen Abnutzung der Sprache und der damit verbundenen Abstumpfung der Wahrnehmung sowie an der in der modernen Lebenswelt sich ausbreitenden Kommunikationslosigkeit und an einer gleichzeitig stattfindenden Entindividualisierung wird hier fortgeführt. Dagegengestellt wird die erneuernde Macht der Fiktion, auf die gegen Ende des Romans hingewiesen wird: Die Fiktion kann auf die »andere Seite von allem führen«, die »kleinen Mauern der Welt« durchbrechen und so über die Grenzen der Lebenswelt hinausführen. Die von der überschäumenden Phantasie des Autors genährten Voyages de l’autre côté erscheinen damit als erzählerisch vermittelte Absage an starre Regeln und Zwänge, als Plädoyer für eine freie Entfaltung der Imagination.

Lit.: S. Vendet-Chu: L. nouvelliste, 2000.

Gottfried Schwarz

 

Désert

(frz.; Wüste, 1989, U. Wittmann) – Das inhaltliche Zentrum des 1980 erschienenen Romans bilden zwei Handlungsstränge, die auf unterschiedlichen Zeitebenen angesiedelt sind, thematisch jedoch eine Einheit bilden. Zum einen erzählt der Roman vom Leben marokkanischer Nomadenstämme, das durch das Eindringen der Kolonialmächte in den Jahren 1909 bis 1912 gewaltsam verändert wird: Auf die Unterwerfung der Nomaden folgt die verzweifelte Suche nach einem ihnen versprochenen fruchtbaren Gebiet. Hunger, Durst und schließlich erneute Angriffe der übermächtigen Kolonialherren machen diesen Traum jedoch zunichte. Anstelle des verheißenen Landes bleiben den »Wüstenkriegern« nur Tod und Zerstörung.

Im Mittelpunkt steht zum anderen die in der Gegenwart spielende Geschichte der jungen und schönen, von Nomaden abstammenden Lalla, die in einem Dorf an der marokkanischen Mittelmeerküste lebt. In dem Romanteil »Le bonheur« (»Das Glück«) wird Lallas einfaches, in fast mythischem Gleichmaß ablaufendes Leben beschrieben: Ihr Alltag ist erfüllt vom Zusammensein mit ihren Freunden und ihrer Amme, vor allem jedoch von einer als glückhaft erfahrenen elementaren Wahrnehmung der Natur (Licht, Feuer, Wasser). Dieses Leben findet ein jähes Ende, als Lalla sich auf die Flucht vor einem fremden Mann begibt, der bei ihrer Amme mit Geschenken um sie wirbt. Sie kommt nach Marseille und macht dort Erfahrungen, die in krassem Gegensatz zu ihrer bisherigen Existenz stehen: »La vie chez les esclaves« (»Das Leben bei den Sklaven«) ist gekennzeichnet von Angst, Armut, Hunger, von Einsamkeit und Entfremdung. Ein Höhepunkt des Romans ist Lallas albtraumhafter Gang durch Marseilles Armenviertel. Hier werden bekannte Objekte – verfallene Häuser, dunkle Gänge, Prostituierte – durch die außereuropäische Perspektive auf verfremdete Weise wahrgenommen. Schließlich verbessert sich Lallas Situation. Doch selbst ihre plötzliche Entdeckung als Fotomodell und ihr kometenhafter Aufstieg zum Star ändern nichts an der grundlegenden Fremdheit der zivilisierten Welt: Sie kehrt zurück nach Marokko, wo sie, wie ihre Mutter, allein in der Wildnis ein Kind zur Welt bringt.

Die beiden Handlungsebenen sind nicht nur vordergründig durch die marokkanische Geschichte miteinander verknüpft, sondern vor allem durch ein tiefer liegendes Anliegen des Autors. Le Clézio übt mittelbare, aber harte Kritik an der sogenannten westlich-zivilisierten Welt und wertet dabei Formen von nicht zivilisierter, glücklich-naiver Existenz auf. Aus diesem postkolonialen Blickwinkel stellt der Roman einerseits das Leben im Einklang mit der Natur als ideale Seinsform dar und beklagt andererseits den Verlust der Natürlichkeit durch das Leben in der modernen Gesellschaft. Der Erzähler setzt die Thematik des Romans in einem leicht verständlichen und scheinbar einfachen Stil um. Das Geschehen wird aus der Perspektive der Protagonisten erzählt. Die unterschiedliche Wahrnehmung beeinflusst die Darstellung, was mitunter zu virtuos inszenierten Verfremdungen von Altbekanntem führt. Der vordergründig schlichte Roman lässt bei genauerer Betrachtung eine in hohem Maße ästhetische Formung erkennen.

Lit.: E. Mariotte: Imaginaire et mémoire du désert chez T.E. Lawrence, Paul Bowles et J.M.G.L., 2000.

Gottfried Schwarz

 

Das Mauritius-Projekt

(frz.) – »Abreisen und ein Anderer werden«, dieses Credo aus dem frühen Roman Le Livre des fuites, 1969 (Das Buch der Fluchten), kann als Leitmotiv über der Gruppe von Reisetexten stehen, in denen es um die Suche nach ›mythischen Ahnen‹ auf der Insel Mauritius geht. Zu ihr gehören bislang vier Werke: der Abenteuerroman Le chercheur d’or (1985), das Reisetagebuch Voyage à Rodrigues (1986), der Familienroman La quarantaine (1995) sowie der autobiographische Roman Révolutions (2003). Zentrales Thema des Mauritius-Projekts ist die Verbindung von Familiengeschichte und Kolonialgeschichte, von privatem Mythos und kollektiver Vergangenheit. In verschiedenen Varianten erzählt ein zeitgenössisches Ich von einem unbekannten Vorfahren (Vater, Großvater, Urahne) und dessen legendärem Leben auf Mauritius. Von Text zu Text wird der ›pacte autobiographique‹ neu geschlossen, die Genealogie mythisch verschleiert, erst in Révolutions wird sie offengelegt.

Le chercheur d’or (Der Goldsucher, 1987, R. und H. Soellner) ist ein Initiationsroman, in dem auf der Grundlage des literarischen Mythos von Robinson und der antiken Argonautensage das Thema vom Abenteuer gestaltet wird. Die Handlung umfasst einen Zeitraum von 30 Jahren (1892–1922). Bereits in der Widmung »Für meinen Großvater Léon« wird die Leitfigur des gesamten Projekts genannt. Der Rahmenerzähler Alexis L’Étang ist etwa 38 Jahre alt. Er kehrt in die Umgebung seines ehemaligen Elternhauses nach Mauritius zurück, um nach Spuren seiner Vergangenheit zu suchen. Vor dem Hintergrund des rauschenden Meeres überlässt er sich seiner Erinnerung. Die Binnenhandlung, aus der Ich-Perspektive von Alexis erzählt, setzt ein mit der paradiesischen Kindheit in der exotischen Naturidylle von Mauritius. Nach dem literarischen Vorbild des frühromantischen, an ↑ Rousseaus Philosophie orientierten Romans Paul et Virginie (1788) von ↑ Bernardin de Saint-Pierre werden die Beziehung zur Schwester Laure, die Freundschaft zum Fischerjungen Denis, die Initiation in Abenteuergeschichten geschildert. Die Kehrseite des kindlichen Glücks zeigt sich jedoch schon bald: Aufstände indischer Landarbeiter, Verwüstungen durch einen Orkan und Animositäten des Onkels gegenüber dem Vater. Infolge seines beruflichen Misserfolgs muss die Familie ins Landesinnere übersiedeln. Nach dem Tod des Vaters vollzieht Alexis den Bruch mit der bürgerlichen Gesellschaft und verfolgt die fixe Idee des Vaters, den legendären Schatz des Korsaren zu finden.

Mehrere Jahre verbringt er als ›Robinson‹ auf der Nachbarinsel Rodrigues. In der Vorstellung, wie Jason das goldene Vlies zu erobern, studiert er Pläne, durchmisst wieder und wieder die Felsenlandschaft. Erst eine ›edle Wilde‹ namens Ouma befreit ihn von der Illusion, Gold zu finden – zwei Verstecke sind leer. Als Abkömmling des indischen Nomadenvolkes der Manaf verkörpert Ouma jene Natürlichkeit und Weisheit, die Alexis durch die Fixierung auf materielle Werte abhanden gekommen sind. Durch sie findet er ein Stück verlorener Kindheit, Sinnlichkeit und damit Freiheit wieder. In der Abgeschiedenheit der Wildnis von Rodrigues leben sie eine scheinbar zeitlose Utopie, die abrupt endet, als sich Alexis als Kriegsfreiwilliger meldet.

Nach Kriegsende kehrt er aus Frankreich zurück und nimmt seine Suche nach Ouma wieder auf, ohne sie zu finden. Er wird Plantagenwächter auf Mauritius, und zufällig erblickt er bei der Überwachung indischer Arbeiter von weitem Ouma. Vom schlechten Gewissen getrieben gibt er seine Anstellung bei den Kolonialherren auf und versucht, sich als Landarbeiter durchzuschlagen. Nach dem Tod der Mutter beginnt für Alexis die letzte Phase im Prozess zunehmender Desillusionierung. Im Hinterland von Mauritius trifft er Ouma ein letztes Mal. Sie verleben einige Tage des Glücks, ehe Ouma Alexis für immer verlässt.

Mit dem Pessimismus einer nicht einlösbaren Utopie endet das Abenteuer: Am Strand verbrennt Alexis alle Dokumente seiner Goldsuche, Tagebücher, Skizzen, Pläne. Sein Versuch, sich auf die ›andere Seite‹ der Unterdrückten zu schlagen, gelingt nicht. Alexis bleibt Teil der europäischen Gesellschaft. Mit dem Meeresrauschen mündet das Ende des Romans – in Anlehnung an ↑ Prousts Recherche – wieder in den Anfang: Der Rahmenerzähler gewinnt das verlorene Paradies einzig als Erinnerung zurück.

Der Reisebericht Voyage à Rodrigues (Reise nach Rodrigues) erschien ein Jahr nach Le chercheur d’or als Tagebuch und kann als Komplementärtext zu diesem Roman gelesen werden. Ein namenloses Autor-Ich der Gegenwart reist auf den Spuren seiner ›Ahnen‹. Der Text ist undatiert und setzt ›in medias res‹ auf Rodrigues ein. Der Reisende, der mehr von seinem ›unbekannten Großvater‹ und dessen legendärer Goldsuche verstehen möchte, ist durch Lektüren vorbereitet: Reiseberichte, historische Quellen zur Siedlungsgeschichte der Insel, Tagebücher und Karten des Vorfahren. Der Weg beginnt dort, wo er auch endet: in der Bucht ›aux Anglais‹; am ehemaligen Flusslauf entlang führt er durch die Schlucht hinauf in Richtung der Quelle. In diesem Werk wird, in der Tradition von ↑ Petrarcas Besteigung des Mont Ventoux, weniger die Außenwelt als die Innenwelt beschrieben. Schritt für Schritt eröffnet sich dem Wanderer ein geistiges Universum. Der symbolische Aufstieg entspricht einem Erkenntnisprozess: Je weiter das Ich in die Dunkelheit der Schlucht vordringt, desto gegenwärtiger scheint die Vergangenheit. Auf dem Höhe- und Endpunkt des Weges findet die ›unio mystica‹, die scheinbare Identität von ›Ich‹ und ›Anderem‹ statt. Beim Abstieg wird der Neoromantiker von der Realität eingeholt, seine Suche entpuppt sich als sinnloses Unterfangen, von dem am Ende nur ein Karton mit »wertlosen Papieren« übrig bleibt – möglicher Stoff für ein weiteres, imaginäres Abenteuer.

Mit dem Familienroman La quarantaine (Ein Ort fernab der Welt, 2000, U. Wittmann) erschien 1995 der dritte Baustein des Mauritius-Projekts. Während Le chercheur d’or und Voyage à Rodrigues noch Roman und Reisetagebuch für sich waren, fügt Le Clézio in La quarantaine beide Gattungen zu einem monumentalen, nun rein fiktionalen ›Reiseroman‹ zusammen. La quarantaine ist ein Erinnerungsroman, in dem zwei Handlungsstränge aus der Ich-Perspektive erzählt werden: in der kurzen Rahmenhandlung die Geschichte des ›modernen‹ Léon Archambau, der 1980 als Tourist von Paris nach Mauritius reist, und in der umfangreichen Binnenhandlung die Geschichte des ›Ahnen‹ Léon Archambau, der 1891 mit seinem Bruder von Paris über Aden nach Mauritius zurückreist.

Gemeinsam ist den Protagonisten die literarische Leitfigur Arthur ↑ Rimbaud, Dichter und Rebell. Rimbauds poetologische Formel »Ich ist ein Anderer« machen sich beide zu eigen – um sich im Medium von Reise und ›écriture‹ zu verwandeln.

In der Rahmenhandlung erzählt Léon Archambau, Alter ego des Autors, von seiner Reise im Sommer 1980 von Paris nach Mauritius. Er ist 40 Jahre alt, geschieden und arbeitet als Arzt in Vincennes. In Paris besucht Léon legendäre Orte des »poète maudit«, des verfemten Dichters, wie das Bistro, in dem der Großvater Rimbaud und ↑ Verlaine begegnet sein soll. Auf Mauritius sucht er authentische Personen und Orte der Familiengeschichte: die letzte noch lebende Tante, die Kolonialvilla, die ehemalige Zuckerfabrik, das Grab des Großvaters. Ein Tagesausflug führt den Touristen auf die Inseln Plate und Gabriel. Der Reisende gewinnt – wie in Voyage à Rodrigues – vor Ort den Eindruck, eins mit seinem Ursprung zu sein. Doch bereits auf dem Rückweg wird ihm klar, dass er nur einer Chimäre erlegen, dass der Inselausflug nichts anderes als eine touristische Robinsonade gewesen ist. Die Reise endet in Marseille, in der Nähe des Krankenhauses, in dem Rimbaud 1891 starb, im selben Jahr, in dem der ›Ahne‹ Léon für immer verschwunden sein soll. Einen Moment lang scheinen literarischer und privater Mythos eins.

In der Binnenhandlung beschreibt Léon Archambau die Zeit der Quarantäne vor Mauritius im Jahr 1891. Er ist das Ideal-Ich Le Clézio’scher Prägung. Die Geschichte der Brüder Jacques und Léon, die sich auf der Rückreise nach Mauritius befinden, wird zunächst aus der Perspektive des erinnernden Rahmenerzählers geschildert. Jacques, der Ältere, ist auf Mauritius geboren, von Beruf Arzt. Er ist mit Suzanne verheiratet und hat die vergangenen Jahrzehnte in Paris verbracht. Der Jüngere, Léon, ist in Frankreich geboren, in Schulheimen aufgewachsen. Von Mauritius hat er nur als verlorenem Paradies geträumt.

Kurz vor dem Ziel Mauritius bricht unter den Reisenden eine Epidemie aus – dem Schiff wird die Einreise verwehrt, alle Passagiere werden auf die Insel Plate evakuiert und, nach Klassen getrennt, in zwei Lagern untergebracht. Das datierte Tagebuch von Léon setzt mit diesem Abschnitt der Reise ein. Léon zieht es von Anfang an auf die ›andere Seite‹; vor allem zur Inderin Suryavati, Kindfrau und Fischerin. Heimlich durchschwimmt er die Lagune, um sie zu sehen, oder er phantasiert sie in Gedanken herbei. Im Vergleich zur Sterilität des europäischen Lagerlebens empfindet Léon die Gemeinschaft der Inder als Idylle.

Durch die Beziehung zu Suryavati zeigt sich bald, dass Léon innerlich wie äußerlich eine Metamorphose durchlebt: Er distanziert sich von seiner Familie, seine Haltung den Weißen gegenüber wird feindlich und offensiv. Suryavati bindet Léon in ihre Familie und die Geschichte ihrer mütterlichen Ahnen ein. Wie Ouma in Le chercheur d’or hat sie die Funktion einer Kindgöttin: Sie führt den Europäer ein in das naturnahe Leben, in die Sexualität, vermittelt ihm orientalische Weisheitslehren und Rituale.

Nachdem bei Suzanne Symptome der Infektion entdeckt werden, isoliert man die Archambaus auf der Nachbarinsel Gabriel, in einem Grenzraum von Wahnsinn, Krankheit und Tod. In diesem Unterweltszenario vollziehen Suryavati und Léon ihre ›heilige Hochzeit‹. Als sich der Zustand von Suzanne verbessert hat, werden die Verbannten aus der Quarantäne entlassen. Léon reist ohne seinen Bruder, mit Suryavati, nach Mauritius. Er ist Teil des indischen Kollektivs geworden, hat sich seines Namens entledigt und sich dadurch von der Identität des weißen Kolonialabkömmlings befreit.

Während Léon anno 1980 ein nostalgischer Tourist ist, der Schauplätze wie Relikte einer verlorenen Vergangenheit aufsucht und sich nur nach einem Neuanfang sehnt, vollzieht ihn Léon im Jahre 1891. Er ist Rebell und Aussteiger, ihm gelingt der endgültige Übergang auf die ›andere Seite‹ der kolonisierten Gesellschaft. Seine neue Identität als ›indischer Arbeiter‹ spiegelt auch den Wunsch des Autors Le Clézio, Kolonialgeschichte rückgängig zu machen, um sich von persönlicher wie kollektiver Schuld freizusprechen.

In dem monumentalen Roman Révolutions, 2003 (Revolutionen, 2006, U. Wittmann), dem vierten Baustein des Projekts, geht der Autor wichtigen Stationen seiner Biographie nach: Nizza, London, Mexiko, Mauritius. Verwoben in die Zeitgeschichte, in zentrale gesellschaftliche Umbrüche der Nachkriegszeit, wird die Geschichte des Urahnen hier erstmals offengelegt.

Der Roman hat sieben Kapitel, in denen parallel zwei Handlungsstränge erzählt werden: aus der Perspektive der dritten Person die Geschichte des ›modernen‹ Jean Gildas im Frankreich der Ära de Gaulle um 1950 bis 1969 (33 Abschnitte); aus der Ich-Perspektive die Geschichte des ›postrevolutionären‹ Jean Eudes in den Jahren 1792 bis 1825, der kurz nach der Französischen Revolution aus der Bretagne nach Mauritius auswandert (16 Abschnitte).

Der moderne Jean Gildas Marro, unverkennbar das Alter ego des Autors, verbringt seine Kindheit und Jugend in den 1950er Jahren unter dem Eindruck des Algerienkrieges in Nizza. Nach dem Abitur gelingt es ihm, den Wehrdienst in Algerien zu umgehen und in London Medizin zu studieren. Anschließend verlässt er Europa und schlägt sich in Mexiko-Stadt als Sprachlehrer durch. Dort erlebt er 1968 die blutige Niederschlagung der Studentenbewegung. Nach seiner Rückkehr heiratet er in Frankreich die Algerierin Mariam Chérifa. Gemeinsam reisen sie auf den Spuren des Vorfahren nach Mauritius.

Parallel dazu wird die Geschichte des Jean Eudes Marro erzählt. Er ist der Protagonist der Revolutionszeit, stammt aus ärmlichen Verhältnissen und lebt in einem bretonischen Dorf. 1792 zieht er für die revolutionären Ideale freiwillig in den Krieg. Er kommt erstmals nach Paris, von dort zieht er in langen Märschen mit den Truppen an die Front. Nach der Schlacht von Valmy ist seine anfängliche Euphorie in Ernüchterung umgeschlagen: 1798 verlässt er mit seiner Frau Marie Anne Europa, um als Kaufmann auf der Insel Mauritius eine neue Existenz zu gründen. Statt einer exotischen Idylle erwartet die Aussiedler der konfliktgeladene Alltag einer französischen Kolonie. Da die Marros entgegen der von Napoleon wieder legalisierten Sklaverei die ihnen zugeteilten Sklaven freilassen, ziehen sie die Feindschaft anderer Europäer auf sich. Und als sie sich öffentlich für die Schulbildung der ehemaligen Sklaven einsetzen, müssen sie den Konflikten ausweichen, sie ziehen ins Landesinnere. Dort gründen die Marros 1825 das legendäre Anwesen Rozilis.

Die Figuren beider Handlungsstränge leben im Zeitalter gesellschaftlicher Umbrüche, beide unterscheiden sich aber grundlegend in ihrer Haltung gegenüber diesen: Jean Gildas ist ein passiver Held, der den Befreiungskampf der Algerier, den Vietnamkrieg, die Studentenrevolte zwar verfolgt, aber keine Initiative darin ergreift. Erst als sein Schulfreund in Algerien getötet wird, rückt auch ihm die Brisanz politischen Geschehens näher. Dennoch bleibt er unbeteiligter Beobachter; in sein sogenanntes »Kristallheft« trägt er kommentarlos Daten und Fakten ein. Von dem kleinbürgerlichen Milieu der Eltern und dem Schulunterricht angeödet, durchstreift er die Straßen oder trifft sich mit Freunden am Stadtrand von Nizza. Darin gleicht Jean den Protagonisten des Frühwerks – Verdruss treibt ihn zu ziellosen Fluchten. Wichtigste Bezugsperson der Jugend ist die Tante. Die langsam erblindende Cathy Marro erzählt Jean aus ihrem vergangenen Leben auf Mauritius. Ihre Geschichten sind für den Jungen der Inbegriff des verlorenen Glücks. Der Topos vom verlorenen Paradies bildet auch hier das Zentrum des Abenteuers. Mauritius ist das Ziel der Suche: Mit Jeans Rückkehr auf die Insel der Ahnen endet der Roman. – Die Fixierung auf die Idee, die mythische Vergangenheit wieder einholen zu können, ist der Grund für Jeans Indifferenz gegenüber der Außenwelt, auch gegenüber Frauen. Er stolpert von einer Beziehung in die andere, lässt sich treiben von der Suche nach Bestätigung, ohne sich seelisch oder geistig zu engagieren.

Der Urahne Jean Eudes Marro ist als ›Kind der Revolution‹ die Gegenfigur zum begriffsstutzigen und nostalgischen Bürgersohn aus Nizza. Der Bretone verkörpert die Eigenschaften, die dem suchenden Helden des 20. Jh.s fehlen. Jean Eudes ist ein engagierter Sozialrevolutionär, der Ideale und Visionen hat, für die er sich persönlich mit allen Konsequenzen einsetzt. Für die Idee von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zieht er freiwillig in den Krieg, dem Fanatismus der Jakobinerherrschaft aber verweigert er sich; er beschließt, dem Land der Revolution den Rücken zu kehren. Und im reaktionären Klima der Kolonialgesellschaft handelt er nach eigenen Vorstellungen, nicht nach bestehenden Vorschriften.

In den Lebensläufen der beiden Marros spiegeln sich gegenläufige Charaktere: zum einen die Dynamik von Visionären, die Revolutionen verursachen können, zum anderen die Gleichgültigkeit der Entwurzelten, die nur noch davon träumen, verlorene Ideale wiederzufinden.

Gemeinsam ist allen vier Büchern der widersprüchliche Versuch des Autors Le Clézio, zum einen das verlorene Paradies Mauritius als geistige Heimat wiederzugewinnen, zum anderen Kritik an der europäischen Kolonialgeschichte zu üben. Das Thema Reise wird in allen Werken als Erfahrung zwischen Illusion und Desillusion geschildert. Alle Protagonisten sehnen sich nach Sozialrevolution und Utopie: Sie streben, erfolglos oder erfolgreich, danach, die bürgerliche Gesellschaft zu verlassen und Teil der ›anderen Seite‹, der kolonisierten Gesellschaft zu werden.

Lit.: B. Thibault: La métaphore exotique. L’écriture du processus d’individuation dans ›Le chercheur d’or‹ et ›La quarantaine‹ de L. C., in: French Review 73, 1999/2000, 845–861. - L. Devilla: Autobiographie et fiction. L’élément autobiographique dans ›Le chercheur d’or‹ et ›Voyage à Rodrigues‹ de L. C., in: Il Confronto letterario 18, 2001, 171–195. - J. La Mothe: L’autre extrémité du temps, une lecture de ›La quarantaine‹ de L. C., in: French Prose in 2000, Hg. M. Bishop/C. Elson, 2002, 209–223. - L. Rimpau: Reisen zum Ursprung. Das Mauritius-Projekt von J.-M.G.L. C., 2002. - J. Dutton: ›Le chercheur d’or‹ et d’ailleurs. L’utopie de J.M.G.L. C., 2003.

Laetitia Rimpau