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Henning Mankell geb. 3.2.1948 Stockholm (Schweden) 1966 Beginn der Theaterarbeit; erste gesellschaftskritische Stücke; seit Anfang der 1970er Jahre auch Prosaautor; erfasste zahlreiche Romane zu gesellschaftlichen und politischen Themen (häufig mit Afrika-Bezug); Ende der 1980er Jahre Gründung des ›Teatro Avenida‹ in Maputo (Mosambik); in den 1990er Jahren internationaler Durchbruch mit der Krimireihe um Kommissar Wallander; Verfilmung vieler Romane; 2001 Gründung des Leopard Verlags; lebt und arbeitet in Göteborg und Maputo.
Die Wallander-Romane (schwed.) – Mit seinen sozialrealistischen Kriminalromanen um den desillusionierten Kriminalkommissar Kurt Wallander, die zwischen 1991 und 1998 erschienen, steht der Autor eindeutig in der Tradition des gesellschaftskritischen Kriminalromans, die ↑ Sjöwall und Wahlöö in den 1960er Jahren mit ihrem zehnbändigen Zyklus Romanen om brott (Roman über ein Verbrechen, 1986–1989) um den Stockholmer Kommissar Martin Beck begründeten und die dem skandinavischen Krimi in den 1970er Jahren zum internationalen Durchbruch verhalf. Mankell nutzte jedoch die Vorgaben des Kriminalgenres im Allgemeinen und die spezifische Ausprägung des politisch engagierten Kriminalromans seiner beiden erfolgreichen Vorgänger im Besonderen, um daraus eine Reihe von ganz eigener literarischer Qualität und (system-)kritischem Potenzial zu schaffen. So gelang es ihm mit seinen acht Romanen um den melancholischen Kommissar aus der südschwedischen Kleinstadt Ystad, sowohl ein kritisches Panorama der schwedischen Gesellschaft des späten 20. Jh.s zu entwerfen als auch die Folgen der Globalisierung für den Einzelnen spürbar zu machen. Dabei nutzte er gekonnt den Mikrokosmos der vermeintlich beschaulichen Küstenstadt Ystad, um makrokriminelle Vorgänge am Beispiel der Allgegenwart des globalisierten Verbrechens aufzuzeigen, das insbesondere in Form von Wirtschaftskriminalität, rassistisch motivierten Gewalttaten und Korruption keine Grenzen kennt. So schlägt Den femte kvinnan, 1996 (Die fünfte Frau, 1998, W. Butt), beispielsweise den Bogen von Algerien nach Schonen; Villospår, 1995 (Die falsche Fährte, 1999, W. Butt), führt in die Dominikanische Republik und Den vita lejoninnan, 1993 (Die weiße Löwin, 1995, E. Gloßmann), nach Südafrika. Bestimmte Merkmale der erzählten Welt sind allen Bänden der Wallander-Reihe gemeinsam: ein klar konturierter und wiederkehrender Schauplatz (das zumeist ungemütliche und verregnete Schonen) und eine mit jedem Band vertrauter werdende Gruppe von Figuren (der Ermittlungsleiter und sein aus unterschiedlichsten Persönlichkeiten zusammengesetztes Polizistenteam). Diese werden entweder mit Phänomenen des internationalen Verbrechens oder mit den zunehmend grausamen Verbrechen verzweifelter Individuen verknüpft – oder mit einer Kombination aus beidem. 1999 publizierte Mankell quasi als Epilog den Erzählungsband Pyramiden (Die Pyramide, 2002, W. Butt), in dem er Wallanders Anfänge als junger Polizist nachträglich aufrollt. Auch mit diesem bewusst gesetzten Ende erinnert die Konzeption der Wallander-Reihe an Sjöwall und Wahlöö, die ihren Romanzyklus von vornherein auf zehn Bände festgelegt hatten. Dem Krimigenre blieb Mankell aber auch weiterhin treu, indem er nun Wallanders Tochter Linda, inzwischen ebenfalls Polizistin, ins Zentrum stellte (Innan Frosten, 2002; Vor dem Frost, 2003, W. Butt) oder andere Figuren, die zuvor bereits am Rande von Wallanders Universum aufgetaucht waren, wie sein Kollege Stefan Lindemann, der in Danslärarens Återkomst, 2000 (Die Rückkehr des Tanzlehrers, 2002, W. Butt), nun als ermittelnder Kommissar das Geschehen strukturiert. Ebenso wie vor ihm Sjöwall und Wahlöö gelang auch Henning Mankell mit seinem Kommissar mittleren Alters, den dazugehörigen diversen privaten Problemen und dem ausgeprägten Berufsethos ein stilbildender Ermittlertypus. Zu dieser ›Mankellisierung‹ der gegenwärtigen skandinavischen Kriminalliteratur, die international zu einem Gütesiegel und Erfolgsgaranten geworden ist und Nachfolger wie Håkan Nesser, Åke Edwardson und Liza Marklund hervorgebracht hat, gehört neben der detaillierten Schilderung der oft mühseligen Ermittlungsroutinen und der Kritik an der zunehmenden Bürokratisierung aller Lebens- und Arbeitsbereiche auch die schonungslose Darstellung der oft extrem grausamen Morde vor dem Hintergrund der modernen schwedischen Gesellschaft nach dem Zusammenbruch des Wohlfahrtsstaats.
Anne-Bitt Gerecke |
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